Tun, Nichtstun, Hoffen

Florian Froese-Peeck:  Eine Ikonografie des rebellischen Konflikts

In meiner Videoarbeit für die Ausstellung »Erfolg durch Rebellion« wandert der Blick des Betrachters durch ein Foto-Triptychon. Dreimal ist derselbe Mensch in einer nächtlichen Parklandschaft dargestellt. Neben der im Mittelfeld liegenden Gestalt, die das »Nichtstun« symbolisiert, streift der Blick zunächst eine etwas düstere Gestalt im Halbdunkel, das »Tun«. Auf der anderen Seite im Lichtkegel einer Straßenlaterne kniet die Figur des »Hoffens«.

Ohne an weitere Inhalte gebunden zu sein, eröffnen die drei Figuren einen assoziativen Raum um den Rebellen. Dieser abstrakte Zugang über das Kräftedreieck, das die Figur des Rebellen erst ermöglicht, vereinfacht den Blick auf rebellische Strukturen an sich. Um die Rebellen wird es schnell unübersichtlich – dort, wo sie alle anderen mit ihrer marktschreierischen Authentizität überwältigen: die Nichtstuenden in Tuende verwandeln und die Hoffenden, die an sie glauben. Vor allem die Medien benötigen Rebellenfiguren als Aufmerksamkeitsikonen mit ihren zahlreichen Bewunderern. Schnell vergisst man dabei, das Rebellion oft aus unfreiwilligen Konflikten und Alternativlosigkeit entsteht. Es geht ja meist um den Aufstand von unterdrückten Minderheiten und das Aufbegehren gegen eine ungerechte Obrigkeit. Das geht selten gut aus.

Wir wissen nicht, ob Oskar Maria Graf den Ausruf »Wir sind Gefangene« tatsächlich ausgestoßen hat, oder ob er ihn nur still in sich hinein dachte. Beim Anblick der vielen Häftlinge, die nach der Niederschlagung der Münchner Räterepublik durch die Straßen geführt wurden, hat er wohl ahnen können, bald einer von ihnen zu sein. Doch ist dieser Satz, der zum Titel seines Buches wurde, mehr als die Ahnung seiner baldigen Gefangenschaft: Es geht um den ausweglosen Zustand seines Lebens. Oskar Maria Graf war immer Rebell, ist immer wieder aus dem bürgerlichen Leben ausgebrochen, obwohl ihn das stets in tiefe Konflikte stürzte. Gerade seine innere Zerrissenheit und sein ständiges Scheitern machten seine autobiografischen Romane schon zu Lebzeiten zum Publikumserfolg.

»Erfolg« ist auch der Titel von Lion Feuchtwangers Roman, der die Zeitumstände nach der Räterepublik beschreibt. Feuchtwanger wollte der Nachwelt Rechenschaft über seine Zeit ablegen, und zeigen, wie es zum »Wiedereinbruch der Barbarei« und zum »Sieg über die Vernunft« kommen konnte. Er wollte erklären, »warum wir so lange warteten, ehe wir die einzig vernünftige Schlussfolgerung zogen, die nämlich, der Herrschaft der Gewalt und des Widersinns unsererseits mittels Gewalt ein Ende zu setzen und an ihrer statt eine vernünftige Ordnung herzustellen«. (Nachwort zum Roman »Exil«)

Die Rebellion ist eine temporäre Struktur, in der sich um den Rebellen die Motive »Tun«, »Nichtstun« und »Hoffnung« anordnen. Hinter ihr steht ein wahrer Aufbruch im »Tun«, als Potential die pure »Hoffnung« und ihr entgegen steht das fatalistische »Nichtstun«. Man rebelliert, weil die Umstände es verlangen und man nicht mehr anders kann. Allerdings sind bei jedem die Grenzen anders gesteckt und die Verhaltensweisen höchst unterschiedlich. Sind die Nichtrebellen nicht von Anfang an Gefangene, die gelernt haben, Kompromisse einzugehen? Kompensieren sie mit Trugbildern und durch Verweigerungsgesten, verharren dabei in stiller Hoffnung? Fühlt sich ein Individuum machtlos, bleibt ihm zunächst nur die Hoffnung. Andere sehen im Hoffen nur die verlogene Vorstufe zur Verzweiflung. Aber Hoffnung kann auch eine verbindende Kraft darstellen.

Ernst Bloch sieht die Hoffnung sogar als »Wärmestrom«, der gesellschaftliche Entwicklungen durchfließt. Solange man sagt, »jemand habe die Hoffnung nicht aufgegeben«, scheint noch nichts verloren. Hoffnung ist das Gegenteil von Resignation und Depression. Aber Hoffnung hat nichts mit Wahrheit zu tun; sie besteht meist aus einem naiven Glauben an eine Sache. Die passive Hoffnung vieler gibt dem Rebellen sein Potential exakt an dem Punkt, an dem sie in Handlung übergeht.

Wie der klassische Held wächst der Rebell über sich hinaus, indem er sich selbst überwindet und sich einer unmöglichen Aufgabe stellt. Doch im Gegensatz zum Schicksal des Helden führt der Weg des Rebellen nicht in die Initiation, sondern er stirbt schon in seiner Adoleszenz. Doch dafür bekommt er die ewige Jugend, um die man ihn nach seinem Tod, wenn er zu einem Medienklischee geworden ist, so beneidet. Keiner könnte sich dem sympathischen Rebellen verschließen, der lebt, was er fühlt, und Grenzen überschreitet, die man (unbewusst) eigentlich selber gern niederreißen würde. Es umgibt ihn eine Aura des Wilden und Unbezähmbaren.

Der Rebell braucht gar keinen Erfolg, um erfolgreich zu sein, weil sein Tod ihn dem Scheitern enthebt. Aber der Konformismus der anderen – Tuenden, Nichtstuenden und Hoffenden – macht sie zu Fans des Rebellen, der das Scheitern in ein Trugbild des Erfolgs umwandelt, scheinbar ohne, dass jemand darunter leiden muss. Jemand lädt durch seinen Tod die Schuld auf sich.

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